Geschichten

Sieht man sich eine Landkarte der Sierra de Guadarrama einmal genauer an, fallen die vielen merkwürdigen topographischen Namen auf, die hier anzutreffen sind. Da heißt ein Berg übersetzt "die tote Frau", eine Brücke wird "Brücke der Vergebung" genannt, eine Höhle als die "Höhle der Maurin" bezeichnet. Natürlich stechen hinter diesen sprechenden Namen unzählige Anekdoten, Geschichten, Märchen und Legenden, die zum Teil einen wahren geschichtlichen Kern haben, zum Teil aber auch nur auf purer Fantasie beruhen. Ein paar dieser Storys sollen hier Erwähnung finden.

Das Lozoya-Tal war nach seiner Rückeroberung von den Muselmanen eine ziemlich weltabgeschiedene Gegend. Zunächst trieben hier Gruppen versprengter Mauren ihr Unwesen, dann mehrere Banditenbanden. Um das Problem der Unsicherheit der Wege in den Griff zu bekommen, ließ sich die örtliche Justiz vom König ein Privileg ausstellen, nachdem sie die innerhalb dieses Tales gefangenen Rechtsbrecher ohne weitere Rückfragen in Segovia oder Madrid aufhängen durfte. Vollzogen wurde die Todesstrafe dann im "Casa de la Horca", im "Galgenhaus" also, ca. 5Km oberhalb El Paulars am Ufer des Río Angostura gelegen. Schon bald wurde es aber Brauch, das Urteil, sobald man die dem Kloster gegenüberliegende Brücke passiert hatte, nochmals zu überprüfen und den Delinquenten, wenn irgend möglich, zu begnadigen. Seit dieser Zeit trägt die Brücke den Namen "Puente del Perdón", "Brücke der Vergebung" also.

Ganz in ihrer Nähe, auf dem "Camino de la Reina", der von Rascafría hinauf zum Puerto del Reventón führt, trifft man auf eine Granitformation, die mit ein wenig Einbildungskraft das Aussehen einer mit Steinen beladenen Karre annimmt. Diese Felsengruppe trägt den Namen "Carro del Diabolo", "Teufelskarren" also. Die Sage berichtet, der königliche Hofarchitekt Juan Guás, der auch wesentlich am Bau von El Paular beteiligt gewesen war, habe bei der Errichtung der Türme an der ersten Kathedrale von Sevilla, wofür die Steine hier gebrochen wurden, die vereinbarten Termine nicht einhalten können. Hilfesuchend habe er sich an den Teufel gewandt und ihm, falls mit seiner Hilfe der Bau doch noch fristgerecht fertiggestellt werden könnte, seine Seele versprochen. Nun gingen die Arbeiten auch sehr viel schneller voran; als Guás sah, daß sein Termin noch zu retten war, kündigte er den Teufelspakt wieder auf. Von nun an aber hatte er eine wahre Sisyphos-Arbeit zu verrichten: Um sich zu rächen, kippte der Teufel die Karren mit den Steinen, sobald sie die Höhe des Reventón-Passes erreicht hatten, wieder zurück in die Tiefe.

Eine andere Version von der Entstehung des Teufelskarrens steht im Zusammenhang mit der Legende von der "Mujer muerta", der "toten Frau". Dieser Berg mit seinen vier Gipfeln bietet tatsächlich bei einiger Fantasie das Relief einer liegenden Frau. Die Sage berichtet darüber, in uralter Zeit hätte in dieser Gegend ein verwitweter König mit seiner überaus schönen Tochter gelebt. Das Mädchen war sein Ein-und-Alles, und als es herangewachsen war, hätte er alle Bewerber um ihre Hand weggeschickt. Traurig stieg die Königstochter jeden Tag auf einen kleinen Hügel, der heute am Fuße der Mujer Muerta liegt, und träumte sich ihren Bräutigam herbei. Der kam dann auch eines Tages tatsächlich: Es war ein Götterbote, der in Begleitung des Herkules die Gegend durchstreifte. Sofort waren sich die beiden ihrer Liebe und einer gemeinsamen Zukunft sicher; man ging zum Hofe des Königs, der natürlich aus allen Wolken fiel. Der Götterbote meinte nur, er müsse noch schnell dem Herkules den Platz zeigen, wo dieser im Auftrag des Zeus die Stadt Segovia errichten sollte, danach käme er sofort zurück und nähme das Mädchen mit sich. Als die Besucher wieder gegangen waren, ließ sich der König von seiner Tochter die Stelle zeigen, wo sich die beiden getroffen hatten. Sein Versuch, sie umzustimmen, schlug fehl, und aus Zorn erwürgte er sie, ließ die Leiche liegen und floh. Die beiden Fremden kamen am nächsten Tag zurück, und als sie sahen, was vorgefallen war, verfolgten sie den König und ergriffen ihn am Puerto de Reventón. Dort stürzten sie ihn in die Tiefe und warfen zur Sicherheit noch einige Felsblöcke hinterher. So hätte auch der "Teufelskarren" entstehen können. Zurück bei seiner toten Geliebten gab der Götterbote dem Herkules den Auftrag, ein riesiges Abbild der Ermordeten zu ihrem Andenken zu errichten. Der Zeus-Sohn türmte also Fels auf Fels, wobei er die Proportionen des dort liegenden Mädchens beibehielt.

Im Massiv von La Pedriza liegt eine Höhle, die "Cuerva de la Mora" genannt wird. Der Volksmund erzählt sich dazu, ein junger Christ habe vor ewigen Zeiten eine Maurin aus gutem Hause geschwängert und sie danach schnöde sitzen gelassen. Die ebenso strenggläubigen wie zornigen Eltern des Mädchens hätten es daraufhin in diese Höhle verbannt, wo ihr Geist angeblich noch heute auf die Befreiung durch ihren treulosen Liebhaber hofft.

In der Nähe des "Silla de Felipe II" südlich von San Lorenzo findet man auf einer Felsplatte eine Vertiefung, die wie ein großer Fußabdruck aussieht. Hier soll der Teufel einstmals versucht haben, die fromme Einsiedlerin Martina auf Abwege zu bringen, habe sich dann aber aus Verzweiflung über die Standhaftigkeit der Frau in den Abgrund gestürzt. Sein Fußabdruck blieb uns erhalten.


Schutzhütte "Zabala" am Fuße des Peñalara